„Wir setzen Funktionieren oft mit Gesundheit gleich“ - Interview mit Dr. Nadine Webering
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Viele Menschen funktionieren im Alltag erstaunlich lange weiter, obwohl sie längst erschöpft sind. Für Dr. Nadine Webering ist genau das ein Teil des Problems: Wir setzen Funktionieren oft mit Gesundheit gleich.
Im Interview erklärt die Neurologin und Ayurveda-Ärztin, was Ayurveda zu unserem Verständnis von Stress und Resilienz beitragen kann, woran man erkennt, dass die eigenen Erholungsmechanismen an ihre Grenzen geraten, und warum der Wunsch nach perfekter Gesundheit selbst zum Stressfaktor werden kann.
„Entscheidend ist nicht, Stress grundsätzlich zu vermeiden, sondern ausreichend Kapazität zu entwickeln, um mit den Herausforderungen des Lebens umgehen zu können.“
Dr. Nadine Webering
Neurologin und Ayurveda-Ärztin, verbindet moderne Neurophysiologie mit Ayurveda und somatischer Arbeit
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Was Ayurveda und moderne Medizin voneinander lernen können
Sie verbinden als Neurologin moderne Neurophysiologie mit Ayurveda und somatischer Arbeit. Was kann die jahrtausendealte ayurvedische Medizin zu unserem heutigen Verständnis von Stressregulation und Resilienz beitragen – und wo stößt die moderne Medizin aus Ihrer Sicht an Grenzen?
Ich glaube, der größte Beitrag des Ayurveda liegt in seiner Perspektive auf den Menschen. Ayurveda betrachtet Gesundheit nicht als das Ergebnis einzelner physiologischer Prozesse, sondern als etwas, das aus dem Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Faktoren entsteht. Wie wir schlafen, essen, uns bewegen, welche Erfahrungen wir machen, in welcher Umgebung wir leben und welchen Anforderungen wir ausgesetzt sind, beeinflusst, wie unser Organismus funktioniert und wie viel Kapazität uns zur Verfügung steht.
Die moderne Medizin hat uns ein unglaublich detailliertes Verständnis einzelner physiologischer Mechanismen ermöglicht. Gerade in der Neurologie und Neurophysiologie wissen wir heute sehr viel darüber, wie unser Nervensystem auf Belastungen reagiert. Die Grenzen sehe ich weniger in diesem Wissen als in der Art, wie wir es häufig anwenden. Wir versuchen, komplexe Phänomene zu verstehen, indem wir sie in immer kleinere Bestandteile zerlegen. Dabei verlieren wir manchmal aus dem Blick, dass sich das Verhalten eines lebenden Systems nicht allein aus seinen Einzelteilen erklären lässt.
Das bedeutet nicht, dass die traditionellen Erklärungsmodelle des Ayurveda automatisch durch die moderne Wissenschaft bestätigt wären. Aber sie können uns helfen, andere Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu berücksichtigen, die in einer rein symptomorientierten Betrachtung leicht untergehen. Auch Resilienz verstehe ich aus dieser Perspektive nicht als stabile Eigenschaft eines Menschen und schon gar nicht als die Fähigkeit, immer ruhig und ausgeglichen zu bleiben. Wir sind komplexe adaptive Systeme, die sich fortlaufend an veränderte Bedingungen anpassen.
Wenn Funktionieren mehr kostet, als es scheint
Viele Menschen funktionieren im Alltag trotz chronischer Erschöpfung erstaunlich lange weiter. Woran lässt sich erkennen, dass die eigenen Regulations- und Erholungsmechanismen an ihre Grenzen geraten – und warum reicht klassische Entspannung dann möglicherweise nicht mehr aus?
Unsere enorme Anpassungsfähigkeit ist eine der großen evolutionären Stärken des Menschen. Und weil unser System darin so unglaublich gut ist, können wir häufig erstaunlich lange weiter funktionieren, selbst wenn wir bereits chronisch erschöpft sind. Das Problem ist, dass wir dieses Funktionieren oft mit Gesundheit gleichsetzen. Was wir dabei häufig nicht sehen, ist, wie viel Anstrengung es kostet und wie wenig Kapazität darüber hinaus noch zur Verfügung steht.
Ein wichtiger Hinweis kann sein, dass sich das Verhältnis zwischen Belastung und Erholung verändert. Dinge, die früher selbstverständlich waren, kosten plötzlich deutlich mehr Energie. Nach einem normalen Arbeitstag bleibt keine Kapazität mehr für soziale Kontakte, Bewegung oder Aktivitäten, die eigentlich Freude machen. Auch Schlaf und Ruhe führen möglicherweise nicht mehr zu dem Gefühl, wirklich erholt zu sein. Andere bemerken zunächst, dass sie reizbarer werden oder sich schlechter konzentrieren können.
Dabei reagiert unser Nervensystem auf anhaltende Belastungen nicht immer auf dieselbe Weise:
Das erklärt auch, warum klassische Entspannung allein häufig nicht ausreicht. Wenn ich dauerhaft mehr Anforderungen ausgesetzt bin, als ich mit meinen verfügbaren Ressourcen bewältigen kann, verändert eine Entspannungsübung zunächst nichts an diesem grundlegenden Ungleichgewicht. Sie kann hilfreich sein, aber sie beseitigt weder die Belastungen noch automatisch die Prozesse, die zur Erschöpfung beitragen. Aus meiner Sicht geht es deshalb darum, den Blick zu erweitern:
- Welche Anforderungen wirken auf diesen Menschen ein?
- Welche Ressourcen stehen ihm tatsächlich zur Verfügung?
- Wie schläft er, wie ernährt er sich, welche Möglichkeiten zur Erholung hat er?
- Und nicht zuletzt: Wie gut kann er überhaupt wahrnehmen, wann seine Kapazitätsgrenzen erreicht sind?
Entscheidend ist für mich nicht, Menschen noch mehr Techniken zur Selbstregulation beizubringen, damit sie weiterhin unter denselben Bedingungen funktionieren können. Es geht darum, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Erschöpfung entsteht, und wieder mehr Spielraum für Anpassung und Erholung zu schaffen.
Erschöpfung ärztlich abklären lassen
Keines dieser Zeichen ist für sich genommen spezifisch für eine gestörte Stressregulation. Anhaltende Erschöpfung kann ganz unterschiedliche medizinische Ursachen haben, die ärztlich abgeklärt werden sollten.
Resilienz heißt Flexibilität, nicht Dauerruhe
In Ihrer Arbeit betonen Sie, dass Resilienz nicht durch starre Routinen oder standardisierte Gesundheitsprogramme entsteht. Was macht ein wirklich widerstandsfähiges Nervensystem aus, und wie können wir lernen, unsere individuellen Bedürfnisse besser wahrzunehmen?
Häufig wird Resilienz mit Stabilität gleichgesetzt, als wäre ein gesundes Nervensystem eines, das möglichst wenig aus der Ruhe gerät. Aber unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, dauerhaft in einem bestimmten Zustand zu bleiben. Manchmal brauchen wir Aktivierung, Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft, manchmal Ruhe und Erholung. Entscheidend ist, flexibel auf Veränderungen reagieren und uns immer wieder an neue Bedingungen anpassen zu können.
Deshalb halte ich wenig von der Vorstellung, dass wir alle dieselben Routinen befolgen müssten, um gesund und resilient zu sein. Was für einen Menschen hilfreich ist, kann für einen anderen unpassend sein. Routinen sind dabei nicht grundsätzlich schlecht – gerade unser zirkadianes System profitiert von einer gewissen Regelmäßigkeit. Problematisch wird es dort, wo wir Regeln wichtiger nehmen als die Reaktionen unseres eigenen Organismus. Wenn ich jeden Morgen um fünf Uhr aufstehe, um meine vermeintlich perfekte Morgenroutine einzuhalten, obwohl ich eigentlich mehr Schlaf brauche, arbeite ich möglicherweise gegen meine eigenen Bedürfnisse.
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht deshalb darin, Menschen dabei zu unterstützen, wieder einen differenzierteren Zugang zu ihrem eigenen körperlichen Erleben zu entwickeln. Hier spielt somatische Arbeit für mich eine zentrale Rolle: die eigene Wahrnehmung verfeinern, Unterschiede erkennen und neugierig erforschen, wie wir auf bestimmte Erfahrungen und Bedingungen reagieren.
Zum Nachspüren: drei Fragen an sich selbst
- Bin ich gerade tatsächlich müde – oder brauche ich vielleicht Bewegung?
- Fühlt sich diese Pause wirklich erholsam an?
- Wie verändert sich mein körperliches Erleben, wenn ich etwas tue, das mir Freude macht – oder wenn ich versuche, eine weitere Erwartung zu erfüllen?
Wichtig: Es geht nicht darum, jedes Körpersignal sofort zu deuten oder ihm blind zu folgen, sondern die eigene Wahrnehmung mit der Zeit differenzierter einordnen zu lernen.
Wenn der Wunsch nach Gesundheit selbst zum Stress wird
Sie sehen den Trend kritisch, Gesundheit ständig optimieren zu wollen – mit immer neuen Tools, Methoden und Selbsttests. Wann wird aus dem Wunsch nach besserer Gesundheit selbst ein Stressfaktor, und wie gelingt es, wieder einen entspannteren, selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper zu finden?
Ich finde es grundsätzlich sehr positiv, dass sich immer mehr Menschen mit ihrer Gesundheit beschäftigen. Problematisch wird es dann, wenn Gesundheit von etwas, das uns ein gutes Leben ermöglichen soll, zu einer Aufgabe wird, die wir ständig erfüllen müssen. Wenn jede Mahlzeit, jede Bewegungseinheit und jede Nacht danach bewertet wird, ob sie optimal war, entsteht ein enormer Druck.
Besonders kritisch sehe ich die zunehmende Vermessung unseres Körpers. Schlaftracker und Smartwatches können interessante Informationen liefern. Aber wir laufen Gefahr, die erhobenen Daten mit unserem tatsächlichen Erleben gleichzusetzen. Wenn mir meine Smartwatch morgens sagt, dass ich schlecht geschlafen habe, obwohl ich mich erholt fühle – welcher Information vertraue ich dann? Wir kennen inzwischen sogar ein Phänomen namens Orthosomnie, bei dem die intensive Beschäftigung mit der vermeintlich perfekten Schlafqualität selbst zum Problem werden kann.
Dahinter steckt ein Missverständnis darüber, wie lebende Systeme funktionieren. Wir behandeln unseren Organismus zunehmend wie eine Maschine, deren Leistung wir mit den richtigen Einstellungen immer weiter optimieren können. Aber unser Körper ist ein komplexes adaptives System. Schwankungen und Veränderungen gehören zu einem lebenden Organismus dazu. Ich glaube deshalb, dass wir wieder lernen müssen, zwischen Gesundheitswissen und Gesundheitsregeln zu unterscheiden.
Man darf etwas essen, weil es schmeckt, sich bewegen, weil es Freude macht, und einen Abend mit Freunden verbringen, ohne sich Gedanken über den Schlafscore am nächsten Morgen zu machen. Letztlich sollte Gesundheit uns mehr Freiheit ermöglichen und nicht immer neue Regeln auferlegen.
Resilienz stärken mit Ayurveda
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Zur Aufzeichnung · 20 €Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltender Erschöpfung oder anderen Beschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.